Nachtstück Records: Alchemic Harm (Stadtrevue Netzmusik, Juni 2016)

(Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Juni 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Oft denken wir in letzter Zeit: Netlabels sind eigentlich tot. Und dann taucht das auf: Nachtstück Records aus Braga, Portugal, gegründet 2014 von Tiago Morais Morgado. Gefunden über einen Facebook-Post von Peter Kirn, der auf Nachtstück gerade unter dem Moniker Alchemic Harm zusammen mit Szilvia Lednitzky aka Lower Order Ethics eine gleichnamige digitale EP veröffentlicht hat. Wir hören übelst finsteren, freigeistig-experimentellen Ambient, von dem sich Ridley Scotts Sounddesigner demnächst bitte inspirieren lassen mögen.

Noch eindringlicher und spukiger macht die Musik, dass Lednitzky und Kirn mit ihrer Musik “Acoustics of Damage” heraufbeschwören — über die Gründe mehr weiter unten. Das Tolle ist: Zum Teil (Track vier, »Paradisaeidae«) ist das sogar tanzbar. Wir stellen uns, ohne es zu kennen, sowas wie das Berghain um 4 Uhr 30 an einem Sonntagmorgen vor.

Peter Kirn kennen wir als umtriebigen Blogger an der Schnittstelle von Musik und Technik (CDM — createdigitalmusic.com), Dinge-Erklärer (Workshops und Vorträge zu Musiktechnik, Sounddesign, Hacking), Space-Afficionado (“Space Science Sound System”) und als Musiker, solo oder mit Benjamin Weiss als Nerk / Kirn. Über Frau Lednitzky ist leider nicht viel rauszukriegen, außer dass sie Bookerin, Managerin und Spezialistin für elektronische Musik ist und als DJ ebenfalls unter dem Namen Lower Order Ethics auflegt und Musik produziert.

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Sämtliche auf Nachtstück Records veröffentlichte Musik steht unter Creative Commons-Lizenz und kann gratis oder — bevorzugt — gegen eine Spende für wechselnde wohltätige Zwecke heruntergeladen werden. Im Fall “Alchemic Harm” kommen diese der Tinnitus Research Initiative (tinnitusresearch.org) zugute, um das zu schützen, was uns allen so wichtig ist: das Hören. Bisherige Spenden gingen aber auch an UNICEF oder die Processing Foundation, die die gleichnamige Open Source-Programmiersprache unterstützt, die in den elektronischen Künsten zum Einsatz kommt.

Spukig: Alchemic Harm EP

Spukig: Alchemic Harm EP

Musikalisch gibt es auf Nachtstück noch viel mehr zu entdecken: Stockhausens “Sirius”, interpretiert vom Taller-Ciclo-Kollektiv aus Chile; experimentelle Solo-Bratsche oder Elektronik-Experimente vom Labelmacher Tiago Morais Morgado. Einmal durch den Label-Katalog klicken lohnt sich, nicht nur für Experimental-Liebhaber.

Wir müssen übers Remixen reden
(Interview mit Leonhard Dobusch, Stadtrevue Netzmusik, April 2016)

Der Netzaktivist Leonhard Dobusch will das Urheberrecht der Remixkultur anpassen

(Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe April 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

So ziemlich genau vor einem Jahr (Netzmusik #28, StadtRevue Februar 2015) versprachen wir, uns des Remix-Themas anzunehmen. Heute machen wir das, und zwar im Interview mit Leonhard Dobusch, der gemeinsam mit Markus Beckedahl und anderen im Jahr 2013 die Initiative RechtAufRemix.org gegründet hat.

Eure Initiative wurde mit einigem Aufwand in Form zeitgemäßer digitaler Kommunikation ins Leben gerufen und hat seitdem einiges an Aufmerksamkeit erfahren. Wie kam es zur Gründung, wer war der Treiber, was hat den Ausschlag gegeben?

Die Idee entstand im Rahmen des Digitale Gesellschaft e.V. aus Anlass der damals anstehenden Evaluierung der EU-Urheberrechtsrichtlinie. Für den Digitale Gesellschaft e.V. war und ist Urheberrecht immer eines der zentralen Themenfelder, weil offener Zugang zu Wissen und Kultur im Netz stark von urheberrechtlichen Regelungen abhängt. Bei der Verabschiedung der noch aktuellen Urheberrechtsrichtlinie im Jahr 2001 gab es weder Facebook noch YouTube. Dementsprechend einseitig und unzeitgemäß sieht das europäische Urheberrecht auch aus. Die Initiative »Recht auf Remix« war deshalb von Anfang an längerfristig ausgelegt und soll den derzeit laufenden Reformprozess des Urheberrechts in Deutschland und Europa konstruktiv begleiten.

Wie beurteilst du das bisher Erreichte und den Status Quo eures wichtigsten Ziels, eines europaweit gültigen Rechts auf Remix?

Wir haben bewusst Forderungen für die europäische als auch die deutsche Ebene formuliert. Natürlich wäre uns eine flexible Ausnahme für Remixkultur im EU-Urheberrrecht am liebsten, zum Beispiel nach Vorbild der Fair-Use-Klausel im US-Copyright, allerdings gekoppelt mit einer pauschalen Vergütung für die Künstler. Aber auch in Deutschland gibt es Spielräume, um das Urheberrecht besser mit Remixkultur kompatibel zu machen. Beispielsweise ließe sich das viel zu restriktive Zitatrecht flexibilisieren, sodass auch Bild-, Musik- und Filmzitate – etwa in Memes – leichter möglich wären. Österreich ist im Rahmen seiner letzten Urheberrechtsnovelle bereits einen Schritt in diese Richtung gegangen.

Welche Rolle könnten Creative-Commons-Lizenzen spielen?

Wir haben zu Creative Commons einen eigenen Punkt in unseren FAQs, wenn ich daraus zitieren darf: »Prinzipiell ist Creative Commons eine gute Option, um anderen den Remix der eigenen Werke zu erleichtern. Ein gesetzliches Recht auf Remix kann Creative Commons aber jedoch aus einer Reihe von Gründen nicht ersetzen: Erstens: Der Pool an Werken, die zum Remix zur Verfügung stehen, wäre auf Creative-Commons-lizenzierte Werke beschränkt. Zweitens: Viele Kunstschaffende, die Mitglied von Verwertungsgesellschaften wie z.B. der GEMA sind, dürfen keine einzelnen Werke unter Creative Commons veröffentlichen. Drittens: Zentrales Merkmal der Remixkultur ist die umgestaltende und kreative Nutzung von Artefakten der Mainstream-Kultur, die in der Regel gerade nicht unter Creative Commons veröffentlicht werden.«

Wir brauchen also so etwas ein Fair-Use-Prinzip nach US-amerikanischem Vorbild. Wäre das im europäischen oder im deutschen Rechtsraum überhaupt abzubilden?

Auf Perspektive werden wir um ein Pendant zu Fair Use in Europa nicht herumkommen. Unser bestehendes System aus spezifischen, so genannten Schranken- und Ausnahmebestimmungen ist einfach zu starr und zu wenig innovationsoffen.

Mit Schranken ist der Ausgleich von Interessen des Urhebers und des Nutzers gemeint?

Genau. Mit »Recht auf Remix« treten wir für eine Lösung ein, das vorhandene System um eine Art offene Schranke nach Fair-Use-Vorbild zu erweitern. Damit das aber funktionieren kann und nicht zu einer noch weiteren Zersplitterung des EU-Urheberrechts führt, müssen dafür zunächst die Ausnahmeregelungen harmonisiert und verbindlich gemacht werden. Wir freuen uns deshalb darüber, dass der zuständige EU-Kommissar Oettinger die Idee einer einheitlichen, unmittelbar gültigen EU-Urheberrechtsverordnung aufgeworfen hat. Auch wenn das kurzfristig unrealistisch
ist, mittel- bis langfristig muss eine Verordnung das Ziel sein.

Kannst Du uns ein aktuelles Beispiel einer Abmahnung wegen nicht legaler Nutzung von Samples nennen?

Die größten Probleme haben mit Sicherheit Remix- und Mashup-Künstler wie zum Beispiel Mashup Germany, dessen Soundcloud-Account mit über 100.000 Followern kürzlich gelöscht wurde. Ihm fällt es sogar schwer, seine Kunst überhaupt öffentlich zugänglich zu machen, von kommerzieller Verwertung gar nicht erst zu sprechen. Aber Abmahnungen sind eigentlich das kleinere Problem. Das größere ist, dass viele kreative Werke nie entstehen oder gar nicht veröffentlicht werden, weil den Kreativen das rechtliche Risiko, die Kosten und der Aufwand der Rechteklärung viel zu hoch sind. Genau deshalb wünschen wir uns eine Lösung, die letztlich auf Regelungen wie jene bei Cover-Versionen hinausläuft. Cover-Versionen können auch ohne aufwändige Rechteklärung prob- lemlos veröffentlicht und sogar verwertet werden.

Interview: Marco Trovatello Foto: Dominik Landwehr

Leonhard Dobusch forscht als Universitätsprofessor für Organisation an der Universität Innsbruck unter anderem zum Management digitaler Gemeinschaften und transnationaler Urheberrechtsregulierung. Er twittert als @leonidobusch und bloggt privat sowie gemeinsam mit anderen auf dem englischsprachigen Forschungsblog governance across borders sowie auf netzpolitik.org.

Jess Lemont (Stadtrevue Netzmusik #39, Februar 2016)

Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Februar 2016

Jess Lemont:
A Truly Fun Place (Happy Puppy Rec.)
y las Dos hipopótamos
The Tiny Album (bandcamp)

Be a Waterwolf: diverse (Soundcloud)
Splicey and Trackey: Country Noises / Horses, Horses . . . Horses! (bandcamp)

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: Bandcamp.

Sehr unterschiedliche Musik von ein und derselben Person: Jess Lemont aus Milwaukee, USA. Lee Rosevere vom kanadischen Happy Puppy Label hat ein Händchen für tolles, obskures Zeugs – das wissen Stadtrevue Netzmusik-Leserinnen und –Leser bereits seit unserer Besprechung des wunderbaren „Manos – The Hands of Fate“ Soundtracks in Ausgabe  12/2013. Über Jess Lemonts aktuelle Releases im Netz stolpernd und die Idee verfolgend, davon einige Tracks auf seinem Label zu rauszubringen, bot die Musikerin Rosevere stattdessen Stücke einer selbstveröffentlichten CD aus dem Jahr 2003 an – beziehungsweise das, was davon noch zu retten war – die ursprünglichen Aufnahmemedien konnten nur teilweise wiederhergestellt werden.

Auf „A Truly Fun Place“ ist die Multiinstrumentalistin nicht nur für fast jeden der handgemachten Sounds selbst verantwortlich; auch möchte ich darum bitten, dass Psychedelic Soul-Papst Adrian Younge ob der authentischen Lo-Fi Produktion und Lemonts überbordender Kreativität in Ehrfurcht erstarren möge. Das Album ist auf der einen Seite ein Mix aus Slacker-Indierock, Jazz und Soul – und erzeugt andererseits eine derart gespenstische Atmosphäre, dass es eine schaurige Freude ist. Jazzige Pianoparts treffen auf offen ge- oder besser: verstimmte Gitarren, düstere Synths und entrückten Gesang. Wie gemacht für Klaus Walters nächste Hauntology-Episode auf ByteFM, auch Broadcast bzw. Trish Keenan winken kurz – und doch ist das Ganze eben Jess Lemont.

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: twitter.com/brewcrewjess

Ihr Repertoire hat sich in den vergangen zwölf Jahren stark in Richtung Jazz bewegt: Unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht Lemont Free Jazz mit Tenorsaxophon und Schlagzeug – ebenfalls alles selbst eingespielt (aktuelle Releases: „… y las Dos hipopótamos“ und „The Tiny Album“ auf bandcamp). Als „Be a Waterwolf“ gibt es auf Soundcloud improvisierte, multiinstrumentale, von ihr als „Glitch Jazz“ bezeichnete Musik, bei der neben Gitarren auch mit Stricknadeln gespielte Xylophone zum Einsatz kommen. Im Duo Splicey and Tracky, das beim Haze Netlabel veröffentlicht, hören wir eine Art sphärischen, elektronischen Improv-Jazz, in dem neben Kontrabass, diversen Stabspielen, Blasinstrumenten und Software auch wieder ihre Stimme zum Einsatz kommt. Ihr seht: es ist wirklich nicht leicht, den Überblick zu behalten.

In ihrer Twitter-Bio schreibt Jess Lemont, dass sie Musikerin ist und es liebt, „ihren Hund auszuführen und autistisch zu sein.“ Auf ihrer Bandcamp-Seite ergänzt sie: „Die Downloads sind für gewöhnlich umsonst, aber zieht bitte für das, was ihr normalerweise für Jess’ Musik gegeben hättet, eine Spende an http://www.asw4autism.org/giving-opportunities.html in Betracht – danke! Jess ist eine lokale Multi-Tracking Multiinstrumentalistin mit einem gewissen Grad des Savant-Syndroms, das sehr hilfreich für ihren Antrieb des Musikmachens ist, und daher ist sie dankbar für dieses Syndrom.“ Dann mal los: Spendet für diese tolle, freie Musik.

“Bluehlicht” – überarbeitete version

OvalDNA

OvalDNA. Photo: CC BY-SA M. Trovatello

Eine überarbeitete Version des Tracks ‘Bluehlicht’, den ich im vergangenen Jahr schon einmal auf Soundcloud veröffentlicht hatte. Er ist Teil eines Mini-Albums, das irgendwann in 2015 erscheinen wird. Ich hoffe über Weihnachten die letzten Tracks fertigstellen zu können. Der dem Track zugrundliegende Loop stammt von OvalDNA, mit freundlicher Genehmigung von Barry Threw (“samples in OvalDNA are completely free to use”).

Stadtrevue Netzmusik-Adventskalender

Für die Kölner Stadtrevue (danke Ulrike Westhoff für die Idee!) mache ich neben der monatlichen Kolumne aktuell einen kleinen Netzmusik-Twitter-Adventskalender. Alle, nun ja, “Türchen” gibt’s über das neue Twitter-Feature “Custom Timeline” bzw. im Twitter-Stream der Stadtrevue. Viel Spaß beim Entdecken schöner, freier Musik.

Eins noch – es heißt ja so schön: Frei wie in Freiheit – nicht wie in Freibier (obwohl es auch das gibt). Sollte Euch die Musik, die wir in der SR-Netzmusik und in diesem Kalender vorstellen, gefallen, unterstützt bitte die Bands, Musikerinnen und Musiker, etc. indem Ihr ihre Musik weiterverbreitet, Konzerte besucht, ihr Vinyl, ihre CDs oder “Merch”-Artikel kauft, beim Download spendet oder was auch immer …

Übrigens: Weitere Netzmusik-Adventskalender gibt’s im Progolog, beim Kraftfuttermischwerk und bei den Musikpiraten.


C3S: Der Countdown für die neue Musikverwertungsgesellschaft läuft (Interview mit Wolfgang Senges)

Crosspost des Artikels für Netzpiloten.de vom 28.11.2013 (Text lizenziert unter Creative Commons CC-BY-NC-SA DE)

Im September 2013 wurde aus der Initiative C3S – kurz für Cultural Commons Collecting Society – die Europäische Genossenschaft C3S mbH. Über 1700 Crowdfunder brachten knapp 118.000 Euro zusammen, die Gründerinnen und Gründer nochmal 31.000 Euro – jetzt aber läuft der Countdown: Bis 31.Dezember 2013 muss die Verwertungsgesellschaft nochmal 70.000 Euro aufbringen, um die vom Land Nordrhein-Westfalen in Aussicht gestellte Förderung von 200.000 Euro zu bekommen. Ein Interview mit Wolfgang Senges, einem der beiden CEOs und Leiter Business Development der C3S, von und mit Marco Trovatello.

Erstmal Glückwunsch zu Eurem großen Erfolg – und eine kurze Bilanz: 1786 Crowdfunder haben 117.758 Euro aufgebracht und 50 Gründerinnen und Gründer haben nochmal 31.000 Euro Startkapital draufgepackt. Am 25. September 2013 habt Ihr die Europäische Genossenschaft Cultural Commons Collecting Society SCE mbH offiziell ins Leben gerufen. Jetzt aber tickt die Uhr: Bis 31.12. dieses Jahres müsst Ihr, nach Abzug der Kosten Eures Crowdfunding-Dienstleisters Startnext, nochmal 70.000 Euro aufbringen. Nur dann erhaltet Ihr die in Aussicht gestellte Förderung des Landes NRW, die sehr wichtig für Euch ist. Nur mit dieser Finanzierung werdet Ihr ein Kernelement Eurer neuen Verwertungsgesellschaft umsetzen können: Ein genaues Abrechnungsmodell, das gewissermaßen der Gegenentwurf zum häufig auf Schätzungen basierenden Modell der bisher einzigen deutschen Musikverwertungsgesellschaft , der GEMA, ist. Wie wollt Ihr das fehlende Geld innerhalb des kurzen Zeitraums aufbringen?

Wolfgang Senges

Wolfgang Senges, CEO der Cultural Commons Collecting Society C3S. Credit: Barbara Senges, CC-BY-NC-SA.

Danke für den Glückwunsch! Und richtig, wir haben bis Ende des Jahres – wegen der Feiertage besser früher – eine relativ große Lücke von gut 70.000 Euro zu füllen. Deshalb geht’s jetzt in den Endspurt.. Wir brauchen die Restfinanzierung, denn nun verdoppelt das Land NRW wirklich jeden Euro, den unsere Unterstützer und wir bisher aufgebracht haben. Auch müssen wir unsere Kosten weiter runterschrauben – in einem Blog-Eintrag haben wir das mal im Detail dargestellt.

Was also gibt es zu tun? Wir haben uns für ein von uns so genanntes “Flashfunding” entschieden, das schon äußerst gut angelaufen ist. Es gibt nur drei Optionen zur Auswahl: Spende, T-Shirt kaufen, Mitglied werden – und es dauert nur zwei Wochen. Vor allem aber nutzen wir keine externe Plattform wie bspw. Startnext, da wir gegenüber unseren Mitgliedern keine weiteren Kosten für einen Crowdfunding-Dienstleister verantworten können. Und wir brauchen das auch nicht, da wir in der Zwischenzeit genügend Menschen allein über unsere Community erreichen. Das war früher anders.

Was passiert, wenn Ihr es nicht schafft, das fehlende Geld aufzubringen?

Wir haben zwar mittlerweile die Zusage des Lands Nordrhein-Westfalen, dass wir auch bei Nicht-Erreichen unserer 200.000 Euro eine Förderung erhalten. Aber eben auch nur in der Höhe der Eigenmittel, die wir nachweisen können. Und, wie man sich vorstellen kannst, ist es schon ein Unterschied, ob wir im kommenden Jahr eine Finanzierung von 130.000 Euro + 130.000 Euro erhalten, oder eben von 200.000 Euro + 200.000 Euro. Der Unterschied macht bei weitem mehr als eine volle Stelle aus. Weniger Entwickler heißt weniger Technik. Weniger Technik heißt: Wir können möglicherweise die Anforderungen zur Zulassung als Verwertungsgesellschaft nicht erfüllen.

Genau. Man darf nicht außer Acht lassen, dass Ihr bisher nur die Europäische Genossenschaft C3S gegründet habt und das große Ziel, die Zulassung als Verwertungsgesellschaft durch das Deutsche Patent- und Markenamt, für die Ihr Beachtliches an Vorarbeit leisten müsst, noch aussteht. Außerdem muss die Satzung der frisch gegründeten Cultural Commons Collecting Society SCE mbH geprüft werden, erst danach erfolgt die Eintragung ins Amtsregister. Was bedeutet das genau und wann kann man mit einer Anerkennung der C3S als Societas Cooperativa Europaea (SCE) rechnen?

Wir hoffen, dass es zügig geht. Es ist ja nicht nur die Satzung, die geprüft werden muss. Wichtiger ist im Grunde der Geschäftsplan. Es sind die Geschäftszahlen und die Personalentwicklung, die wir zur Prüfung eingereicht haben – von 2014 bis einschließlich 2016. Diese Prüfung durch den Genossenschaftsverband ist ein wenig als Testlauf für die Zulassung als Verwertungsgesellschaft zu betrachten. Die Prüfer bescheinigen uns mit dem Bestehen, dass unsere wirtschaftliche Planung realistisch und tragfähig ist. Diese Prüfung wird bei Genossenschaften übrigens jedes Jahr wiederholt, so dass den Mitgliedern kein böses Erwachen droht.

Wenn das Deutsche Patent- und Markenamt dagegen unseren Antrag auf Zulassung als Verwertungsgesellschaft prüft, geht es neben dem Wirtschaftlichen auch und im Speziellen um die Aspekte, die für eine Verwertungsgesellschaft zählen: Wie sieht das Repertoire aus: Sind Urheber bzw. Werke vertreten, die ausreichend Umsatz generieren? Kann die C3S feststellen, wenn ein nicht-lizenzierter Einsatz eines Werks stattgefunden hat? Werden die Interessen der Urheber angemessen vertreten? Kann die C3S Mitglieder und Repertoire verwalten?

Es ist enorm wichtig für uns, dass die Prüfung durch den Genossenschaftsverband rasch geschieht. Denn: Wir haben aus dem Crowdfunding erst Teile der Einnahmen – die aus Spenden und durch Rewards – erhalten. Heißt: Etwa 30.000 Euro haben wir bisher über die Crowdfunding-Plattform Startnext erhalten, auf weitere 16.000 Euro eines Startnext-Partners warten wir – Stand 25.11.2013 – noch. Das Geld aus den Anteilen aber (knapp 70.000 Euro) liegt so lange bei Startnext als unserem Treuhänder, bis wir beim Amtsgericht registriert sind, das heißt also bis die Prüfung durch ist. Die komplette Summe brauchen wir aber für die Bewilligung der Förderung. Und das muss bis Ende des Jahres geschehen.

Kannst Du uns etwas über das Leitungsgremium der C3S erzählen? Wer übernimmt welche Aufgaben und welches sind die Führungspersönlichkeiten?

Das Leitungsgremium der C3S ist der Verwaltungsrat. Der Verwaltungsrat wurde bei der Gründungsversammlung gewählt und ging zum größten Teil aus dem Kern-Team hervor. Wir sind elf Team-Mitglieder und teilen uns die fachlichen Zuständigkeiten. Danny Bruder übernimmt das Künstlernetzwerk, das heißt er hält als Musiker und Produzent die Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen und baut das Netzwerk beständig aus. Außerdem ist er als Sprecher der C3S aktiv. Sven Scholz, Schlagzeuger der Band Singvøgel, leitet die Kommunikation nach außen wie beispielsweise Blog und Social Media. Tanja Mark steuert das Marketing. m.eik michalke ist einer unserer Sprecher und zuständig für (Kultur-)Politik, aber auch für Aktivitäten im Bildungsumfeld. Christoph Scheid trägt die Verantwortung für die IT-Leitung und die technische Entwicklung. Florian Posdziech ist zuständig für die Web-Entwicklung und Web-Administrierung. Zudem ist er gemeinsam mit Sven zuständig für den Twitter-Kanal. Jurist Meinhard Starostik ist Sprecher und zuständig für Fragen des Wirtschaftsrechts und Rechnungswesens. Veit Winkler, der in Graz lebt, hat die Aufgaben der internen Organisation, aber auch die Koordination internationaler Teams übernommen. Veit ist zudem auf unserer Facebook-Page aktiv. Holger Schwetter kümmert sich um Förderungs- und Finanzierungsmöglichkeiten, ist aber als Musikwissenschaftler und Musiker (u.a. Von Korf) auch für die Forschung und auch als Sprecher der C3S zuständig. Michael Weller, Geschäftsführer der Europäischen EDV-Akademie des Rechts EEAR gGmbH, leitet das Fachgebiet Urheberrecht. Ich selbst schließlich bin für Geschäftsentwicklung und Partnerschaften verantwortlich.

Als Geschäftsführende Direktoren wurden m.eik michalke und ich gewählt. Meinhard Starostik ist als Verwaltungsratsvorsitzender und Danny Bruder als sein Stellvertreter gewählt worden.

Im Pressebereich werden wir übrigens zusätzlich unterstützt von Lars Sobiraj (früher bei Gulli), der auch für die Netzpiloten schreibt. In Österreich vertritt uns Joachim Losehand als Ansprechpartner. Beide sind nicht Mitglied des Verwaltungsrats.

Kommen wir zu einem weiteren Kernelement Eurer Strategie, den Lizenzen. Abgesehen von der Tatsache, dass Ihr die ganze Spannbreite der Lizenzierungen – von der Creative Commons Maxime „Some Rights reserved“ bis „All Rights reserved“ – unterstützen werdet: Was unterscheidet Euch im Wesentlichen von GEMA?

Die C3S sieht für jedes nutzende Mitglied, also für jeden Kreativen das gleiche, volle Stimmrecht vor. Es ist gleichgültig, wie hoch die Einnahmen eines Mitglieds sind oder wie viele Anteile man zeichnet: Jeder hat genau eine Stimme – wenn seine Rechte durch die C3S wahrgenommen werden und er Mitglied ist. Erben oder Verlage haben daher kein Stimmrecht, anders als in der GEMA.

Wichtig ist uns, dass sich jeder, der irgendwo mit Musik zu tun hat, an der Gestaltung des Konzepts beteiligen kann. Wenn Arbeitsabläufe zur Lizenzierung oder zum Einsatz von Musik entwickelt werden sollen, müssen Urheber, Künstler, Musikindustrie und Musikhörer daran beteiligt sein. Sonst erhält man keine realitätsnahen Lösungen. Genau diese beratende Aufgabe kommt fördernden Mitgliedern zu. Die Entscheidung über die Umsetzung der Entwürfe liegt dann aber wieder beim Urheber alleine. Nach der Umsetzung müssen wiederum Tarife verhandelt werden.

Wechsel- und Austrittsfristen werden bei uns kürzer sein. Wenn es darum geht, die Rechte eines Werks nicht weiter von der C3S wahrnehmen zu lassen oder auszutreten, dann orientieren wir uns an der Praxis und am technisch Machbaren. Momentan gehen wir davon aus, dass ein Stück mindestens ein Jahr bei uns bleibt. Gleiches gilt für die Mitgliedschaft. Länger sollte es nicht sein. Das wäre unpraktikabel und behindert den Künstler unnötig. Kürzere Fristen sind ungünstig, weil Lizenznehmer möglicherweise den Überblick verlieren, welche Lizenz denn nun gültig ist – aber auch hier schaffen wir Überblick, indem die Registrierung des Stücks bei uns bestehen bleibt. Die Versionsgeschichte der Lizenz muss ständig einsehbar sein. Die Austrittsfristen könnten – je nach Beschluss der Generalversammlung – nach der Anfangsphase der C3S auch verkürzt werden.

Wie geht Ihr mit der Tatsache um, dass Creative Commons-Lizenzen irreversibel sind? Heißt: Was macht Ihr, wenn sich ein Künstler nach einer gewissen Zeit bei Euch dazu entscheidet, seine über Euch lizenzierten Stücke nicht mehr unter CC-Lizenz zu veröffentlichen bzw. wie wirkt ihr dem entgegen? Von vorneherein, durch Aufklärung bzgl. der irreversiblen Natur der Lizenz?

Es ist nicht an uns, die Definition der Lizenz zu verändern. Egal welcher. Wir schreiben nicht das Urheberrecht und wir definieren auch keine CC-Lizenzen. Wir können allenfalls darauf hinweisen, dass eine CC-Lizenz auf ein Werk nicht aufgehoben werden kann. Es ist, so sehe ich es zumindest, ein Nachteil der CC-Lizenzen. Soweit mir bekannt, ist selbst Lawrence Lessig (Gründer von Creative Commons, Anm. des Autors) damit nicht glücklich. Und es ist nicht zuletzt ein Grund dafür, daneben auch „All Rights Reserved“-Lizenzen zu ermöglichen – für andere Stücke des Urhebers.

Kurz: Wer sein Stück unter Creative Commons veröffentlicht, der muss dabei bleiben. Was dagegen möglich ist, das ist die Änderung der CC-Lizenz zu einer weniger restriktiven CC-Lizenz.

Wie geht es mittel- bzw. langfristig weiter?

Langfristig möchten wir – deswegen haben wir uns als Europäische Genossenschaft gegründet – auch in anderen Ländern tätig werden. Der Unterschied zur GEMA: Wir werden im besten Fall keine Gegenseitigkeitsverträge mit anderen Verwertungsgesellschaften anderer Länder benötigen, sofern sie innerhalb Europas liegen. Das bedeutet: keine Reibungsverluste, keine verzögerten Zahlungen, gleiche Abrechnungssysteme. Bereits nach Zulassung in Deutschland können Urheber aus dem Ausland der C3S ihre Werke zur Rechtewahrnehmung in Deutschland übertragen. Deshalb freuen wir uns über die jetzt schon vorhandenen Mitglieder in Österreich, Frankreich, Großbritannien, Irland und der Schweiz.

Was genau hat es mit den verzögerten Zahlungen auf sich?

Bei einer weitgehend exakten und automatisierten Abrechnung ist ein Fast-Echtzeit-Konto für Mitglieder möglich. Die Meldungen über Lizenzierungen und Aufführungen gehen ein und sind in meinem Künstler-Konto abrufbar. Mehr noch: Als Musiker sehe ich, wo ich mit welcher Strategie ansetzen kann, wo ich mit Erfolg Konzerte veranstalten kann, wo Marketing notwendig ist. Das ist ein Punkt der Transparenz, der vielen Musikern in ihrer GEMA-Abrechnung fehlt. Abgesehen davon, dass wir ständig hören, dass die Zahlungen der GEMA lange auf sich warten lassen – teilweise länger als ein Jahr.

Die C3S wird dem Urheber die Freiheit geben, die er braucht, um seine Strategien umzusetzen – gleichgültig, ob er einzelne Tracks zu Benefizzwecken von Lizenzgebühren befreien will oder sie zwecks Marketing anders veröffentlichen möchte als das Gros seiner Werke. Und den Musikmarkt wird die C3S erweitern, indem sie neue Geschäftsansätze und Lizenzierungsmodelle fördert.

Letzte Frage: Plant Ihr für die Zukunft Allianzen? Wenn ja mit wem?

Es gibt bereits Allianzen. So arbeiten wir schon jetzt gemeinsam mit younison.eu, die Lobby-Arbeit für Musiker auf europäischer Ebene betreiben. Ebenso werden wir unterstützt von SafeCreative, Registered Commons, CommonsMachinery und dem Free Music Archive. In Deutschland arbeiten wir im Austausch mit der all2gethernow, die die ursprünglichen Initiatoren der C3S zusammengeführt hat. Organisatorisch und in der Unternehmensplanung werden wir unterstützt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien hmtm Hannover. Mit weiteren Unternehmen und Verbänden sind wir im Gespräch.

Wolfgang, vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

Gerne – ich danke Dir.

Manos: “The Soundtrack of Fate” & “The Remix of Fate”

(Crosspost des Artikels für den Stadtrevue-Blog bzw. -Magazin vom 28.11.2013 – Rechte beim Stadtrevue Verlag)

"Manos"-Filmplakat, Public Domain

“Manos”-Filmplakat, Public Domain

Gerne wird der 1966 gedrehte “Manos: The Hands of Fate” in einem Atemzug mit Ed Woods “Plan 9 from Outer Space” genannt, wenn es um die schlechtesten Filme aller Zeiten geht. Während “Manos” bereits Anfang der neunziger Jahre in den USA Kultstatus erlangte, ist er bis heute in Deutschland und Europa deutlich weniger populär. Klar, viele kennen seit Tim Burtons Verfilmung die Filme Ed Woods, aber nur wenige den einzigen Film des Regisseurs und Hauptdarstellers Harold P. Warren.

Über die Komponisten des exzellenten Soundtracks, Russ Huddleston & Robert Smith, Jr, ist kaum etwas bekannt (schon gar nicht ob sie je unter diesen Namen existierten). Passend zum Film, den Regisseur Warren von Beginn an via Public Domain in öffentlichen Besitz gab, ist Anfang des Jahres auch der Soundtrack zum freien Download unter Creative Commons-Lizenz auf Bandcamp veröffentlicht worden. Denn 2011 entdeckte der US-amerikanische Filmhochschulabsolvent Ben Solovey über eine eBay-Auktion eine 16-Millimeter-Arbeitskopie und finanzierte deren Restauration und Wiederveröffentlichung in HD über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Im Zuge der Filmwiederherstellung wurden auch die Tonspuren wiederhergestellt. Das ergab natürlich keinen typischen “Original Score”-Soundtrack, sondern eher ein Tondokument mit Hörspielcharakter, das die Atmosphäre des Films – von bizarren Dialogen über Geräusche bis zu ambientem Dark Jazz – perfekt einfängt.

Das kanadische Netlabel Happy Puppy hat die remix-freundliche Lizenz des von Solovey/Singer veröffentlichten Soundtracks zum Anlass genommen, im Juni dieses Jahres zum Remix aufzurufen. Das Ergebnis wurde vor kurzem veröffentlicht und bietet 16 zum großen Teil wirklich hörenswerte Tracks – experimentelle Electronica, Downtempo, Breakbeats, Ambient – die die Manos-Motive aufgreifen, neu interpretieren und ebenfalls wieder remixbar sind.

Hier geht’s zum Download: Volume 1Volume 2